Zum Anker und Oktopus

Anarcho-Handarbeiten, Gitarrenlärm, Nerdic Walking und andere Welten

Archiv für den Monat “März, 2015”

Rust in Peace

Musik: Blind Guardian – Beyond the red mirror

Da habe ich mal wieder perfektes Timing bewiesen – Es ist eine Woche vor Ostern und mein neuer Wollpulli, den ich im November angeschlagen hatte, ist endlich fertig. Aber draußen macht sich gerade mal wieder das typische norddeutsche Schmuddelwetter breit, deshalb gehe ich mal davon aus, dass ich das gute Stück noch ein paar Mal tragen kann, bevor der Frühling endgültig ausbricht. Ein paar Fakten:

Während ich die Einzelteile zusammennähte, schien noch die Sonne, aber kaum dass ich die Puppe zum Fotografieren auf den Parkplatz geschafft hatte, fielen die ersten Regentropfen, deshalb habe ich nur schnell noch ein paar Bilder geschossen und dabei prompt das obere Ende des Kragens abgeschnitten. Dinge, über die sich Blogger ärgern.

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Und nun stehe ich mal wieder vor der Frage, auf welche Wolle ich mich als nächstes stürze. Eigentlich sollte ich mal dringend was gegen die Kiste voller Sockenwolle tun. Aber da gibt es noch den Schoppel Laceball und die lila Angora-Wolle und… Es wird schwierig.

A very fond Farewell

Musik: Green Highland – The parting glass

Eigentlich wollte ich heute über meinen Fortschritt beim Besticken von Sechsecken und dem Verarbeiten rostfarbener Wolle schreiben, aber aus gegebenem Anlass wird es nun doch ein ganz anderer Post. Einer der für mich inspirierendsten Menschen überhaupt ist heute im Alter von 66 Jahren gestorben. Ich rede von Sir Terry Pratchett, der trotz Tolkien, Patrick O’Brian und einigen anderen doch immer mein absoluter Lieblingsautor geblieben ist. Ohne Pratchett, seine Scheibenwelt-Romane und die darum gewachsene Community wäre mein Leben definitiv anders verlaufen und ich hätte viele wunderbare Menschen nie kennen gelernt. Aber zurück zum Anfang.

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Meine erste Begegnung mit Terry Pratchett hatte ich vor über 15 Jahren nachts um halb eins Ortszeit nach 24 Stunden Flug in einem Hotelzimmer in Honolulu. Da ich aufgrund akuten Jetlags absolut nicht schlafen konnte, griff ich nach dem nächstbesten Buch und fing an, zu lesen. Zufällig handelte es sich bei ebenjenem Buch um den Sammelband ‚Die Scheibenwelt‘, den der Heyne-Verlag in der glorreichen alten Zeit der schrottigen Fantasybuchdesigns mal herausgegeben hatte. Und obwohl das Buch gefühlt mitten in der Handlung begann (ich frage mich bis heute, was den Verlag bei der Aufteilung der Sammelbände geritten hat), war ich gefesselt. Wieder zurück in Deutschland begann ich dann, mich durch das damalige Gesamtwerk zu arbeiten, und meine Mitschüler hatten einen weiteren Grund, mich für bekloppt zu halten, als ich plötzlich nur noch von flachen Welten redete.

Schon seit ich Kind war, habe ich mich mehr oder dilettantisch am Schreiben von Geschichten versucht, und inspiriert von Pratchett griff ich mit 16 zum ersten Mal so richtig in die Tasten. Die resultierende Geschichte war grauenhaft schlecht. Wirklich. Sie liegt noch ausgedruckt irgendwo in den Tiefen meines Schreibtischs und wenn ich sie beim nächsten Umzug wieder finde, wird es mindestens eine sehr unterhaltsame Stunde inklusive ausgiebigen Fremdschämens. Aber immerhin, ein paar Aspekte jenes textgewordenen Grauens haben überlebt, unter anderem der Name meines langlebigsten Rollenspielcharakters. Araghast Breguyar, ich rede von dir.

Nachdem ich eingesehen hatte, dass meine schriftstellerischen Künste doch noch nicht so der Bringer waren, vergingen ein paar Jahre und ich stellte mich der Herausforderung namens Abitur. Anschließend jobbte ich im Bremer Planetarium und hatte zwischen den einzelnen Vorführungen eine Menge Zeit totzuschlagen. Diese nutzte ich, um sämtliche bis dahin erschienenen Scheibenwelt-Romane wieder einmal zu lesen, und nachdem ich durch war, machten sich gewisse Entzugserscheinungen breit. Ich begab mich in das damals noch recht neue Internet und entdeckte das höchst interessantes Phänomen namens Fanfiction. Nun ja, einiges davon wirkte recht verstörend. Ausführlicher heißer Sex zwischen Mumm und Vetinari? Warum?????

Dann begann im wahrsten Sinne des Wortes ein neues Kapitel meines Lebens, als ich beim Surfen im Netz auf die Stadtwache von Ankh-Morpork stieß. Ein textbasiertes Online-Rollenspiel auf der Scheibenwelt – besser konnte es gar nicht kommen. Nachdem ich mich anderthalb Monate gründlich eingelesen hatte, grub ich einen alten Charakter aus der Geschichte des Grauens aus, machte einen Wächter aus ihm, meldete mich an und schrieb die ersten Geschichten, die erstaunlicherweise gar nicht schlecht ankamen.

Im Laufe der Zeit wurden die Texte länger und mündeten schließlich in einem wahnwitzigen 250.000 Wörter-Epos, das bisher immer noch den Gipfel meines Fanfiction-Schaffens darstellt. Dazu kamen zahlreiche wunderbare Treffen mit weiteren Pratchett-Fans, aus denen sich viele gute Freundschaften ergeben haben, ohne die ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen kann und für die ich mich auch einfach spontan mal stundenlang in den Zug setze. Ich kenne mehrere Ehepaare, die sich über die Stadtwache und die Pratchett-Community kennen gelernt haben. Erst vorgestern wurde der jüngste Spross der Pratchett-Community geboren.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, was wäre, wenn ich damals ein anderes Buch mit auf den Hawaii-Urlaub genommen hätte.

In diesem Sinne erheben der Kommandeur und ich ein Glas Untervektor-Rum auf einen der besten Autoren aller Zeiten. Lebewohl, Sir Terry, wohin auch immer dich deine Wege nun führen werden. Vielleicht triffst du irgendwo da draußen ja einen gewissen Vulkanier…

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