Zum Anker und Oktopus

Anarcho-Handarbeiten, Gitarrenlärm, Nerdic Walking und andere Welten

Im Gelände vergessene Geologen-Arbeitsgeräte und anderes Schwermetall

Musik: Sepultura – Inquisition Symphony

Kein Handarbeits-Update diese Woche, weil ich zu ausgiebig mit Knieweich und Musik mit Metall drin beschäftigt war. Aber der Stoff für das nächste Projekt hängt schon auf der Wäscheleine. Und er ist schrecklich.

Patches1

Mittwoch:

Pünktlich um halb drei wurde ich von meiner Mitfahrgelegenheit eingesammelt und dank der Vorwarnungen meiner anderen Mitcamper, die schon vorgefahren waren und ewig im Stau standen, haben wir doch die gesperrte Route genommen und waren nach einer guten halben Stunde Schlange stehen auf dem Gelände. Von den Mittwochsbands interessierte mich keine sonderlich, deshalb chillte ich gemächlich mit meinen Leuten im Camp vor mich hin und kletterte aus einer plötzlichen Laune heraus mitten in der Nacht noch auf die Teufelsmauer, wo ich wie letztes Jahr wieder ein paar willige Opfer fand, die mit mir unter dem Gipfelkreuz den Bard’s Song sangen. Nachts war es sternenklar und ich konnte ohne das nervige städtische Streulicht endlich mal wieder Skorpion und Schütze beobachten – beziehungsweise zumindest die Teile die in unseren Breiten sichtbar sind.

Donnerstag:

Nachdem ich den Tag größtenteils im Windschutz des Zelts mit Making Money von Terry Pratchett verbracht hatte, waren Alestorm inklusive des wohl psychedelischsten Bühnenbilds des Festivals der erste Pflichttermin. Was wollten sie uns mit Bananen mit Entenköpfen vor regenbogenfarbenem Hintergrund wohl sagen? Was auch immer die rauchen, ich will auch was von dem Zeug. Nachdem diverse Piraten und ethanolhaltige Getränke abgefeiert wurden, haben der Tilmensch und ich uns Kakaklysm gegönnt. Gebrüll und Geschredder irgendwo zwischen Amon Amarth und In Flames – mir hats gefallen. Dann noch in Ruhe auf dem Zeltplatz ein Bier geholt und sich für das Highlight des Abends in Position gebracht. Hammerfall sind einfach Kult. Kitschiger Power Metal vom Feinsten, genau das, was ich manchmal einfach brauche. Und eine Band, die so durch ist, dass sie ein Musikvideo mit der schwedischen Curling-Damennationalmannschaft gedreht hat, muss man einfach mögen. Nach knapp anderthalb Stunden Abrocken habe ich dann gleich noch bei Fiddler’s Green weiter gemacht und bin danach ohne weitere größere Umwege direkt ins Zelt gekippt.

Freitag:

Dank bewölkten Himmels konnte ich ausgiebig ausschlafen, faulenzte noch etwas auf meinem Luxus-Feldbett herum und wurde schließlich von einem Aufschrei aus dem Zelt gelockt. Auf einem Festival auf dem Glasbehälter verboten sind werden Getränke gerne mal in Wasserflaschen umgefüllt. Selbiger Fakt endete damit, dass der Morgenkaffee des Camps seltsam auf der Zunge prickelte und schließlich zu der Erkenntnis führte, dass das Gebräu statt mit Wasser mit Wodka gekocht worden war. Das sind Festival-Legenden, die man sich noch Jahre später erzählt. Moist von Lipwig und ich verbrachten einen weiteren Nachmittag im Klappstuhl miteinander, bis die für mich wichtigste Band des Tages anstand: Coppelius. Ich bin ja extrem nörgelig was Bands betrifft, die auf Deutsch singen, aber Coppelius mag ich trotzdem. Erstens covern sie Lieder einer meiner absoluten Lieblingsbands aller Zeiten (auch wenn sie sich ausschließlich auf die Paul Di’Anno-Ära konzentrieren) und zweitens sind sie einfach schräg, ungewöhnlich und haben ein ausgefallenes Instrumentarium. Und mit krankem Scheiß mit Steampunk-Appeal kriegt man mich fast immer. Leider war das Konzert viel zu kurz. Magere 40 Minuten sind einfach nicht genug um die Genialität von Coppelius voll zu genießen. Auch wenn sie mit ‚Charlotte the Harlot‘ und ‚Killers‘ the closest I could get to Maiden on this Festival gebracht haben. Den Rest des Abends haben der Tilmensch und ich uns dem Geknüppel gewidmet. Biohazard waren echt nicht schlecht und und in Fear Factory haben wir einen neuen Freund gefunden. Brüllen, zertrümmern und weg, gepaart mit epischem Keyboard. Da muss ich mich dringend mal genauer einhören. Die Schandmaul-Pause zwischendurch habe ich genutzt um die Bestückung meiner Kutte weiter zu vervollständigen. Den ganz bestimmten Hammerfall-Patch den ich unbedingt haben wollte habe ich zwar nicht bekommen, aber dafür kann ich Kreator, Judas Priest und Megadeth nun von meiner Shoppingliste streichen. Nun fehlen von meinen wirklich dringenden Parchbedürfnissen ’nur‘ noch Hammerfall (siehe oben), Turisas (da habe ich mich auch schon auf einen ganz bestimmten Patch eingeschossen) und Sabaton. Und wenn ich im Internet auch nicht kriege, was ich will, muss ich halt wie bei Slayer wieder selbst sticken. Wie ich von meinen Freunden gehört habe, soll Schandmaul nicht so wirklich der Bringer gewesen sein. Ein Sänger der ein Lied mittendrin abbricht, weil ihm das Mineralwasser nicht still genug war – Das ist sowas von überhaupt kein Rock’n’Roll! Hammerfall haben sich nicht mal mit Mineralwasser aufgehalten sondern sich gleich auf das Good German Beer gestürzt. Das ist eh eine Konstante bei skandinavischen Metalbands von Amon Amarth bis Sabaton – Sie alle sind dem hiesigen Angebot geistiger Getränke sehr zugetan. Wie beim RockHarz 2008, als Turisas sehr glücklich waren, die von Alestorm ein Konzert vorher zurückgelassene Rumflasche auf der Nebenbühne zu finden. Nach Fear Factory saß ich noch mit meinen Mitcampern unter unserem Pavillon herum, verkostete von Flo selbstgebrauten Met, brachte ihnen bei, wie man unanständige Lieder über Zwerge und Gold singt und entdeckte die Dixihütte des Grauens. Und es war kalt. Arschkalt.

Samstag:

Als ich aufwachte war es warm im Zelt und die Wände bewegten sich kaum noch. Vorsichtig spähte ich aus der Frontklappe und eine Hitzewelle wallte mir entgegen. Der Wind, der bisher für eine empfindliche Kälte gesorgt hatte (nicht umsonst heißt es, dass es an der Uni Clausthal-Zellerfeld zwei Wintersemester gibt), war weg. Und es war brütend heiß. Aber es gab meine sehr voraussichtigen Freunde und ein plötzlich auftauchendes Arsenal von Wasserpistolen großkalibriger Bauart. Abgesehen davon, dass eine schlecht gezielte Salve den Showdown zwischen Moist von Lipwig, Lord Vetinari und Cosmo Lavish mit ein paar Sprenkeln verziert hat, war die regelmäßige Abkühlung sehr angenehm, und so faulenzten mein Klappstuhl, mein Buch und ich einen weiteren Festival-Nachmittag vor uns hin. Der erste Pflichttermin des Tages war Soulfly, oder auch Sepultura 2.0. Nach  Refuse/Resist und Roots Bloody Roots war meine Stimme schon ziemlich hinüber und wenn sich herausstellt, dass Vater und Sohn mittlerweile in der gleichen Band spielen, sprich das schon definitiv für die Wichtigkeit der elterlichen Erziehung zum Hören anständiger handgespielter Musik. Bei Cradle of Filth haben dann alle meine tapferen Krieger des Metalls die Waffen gestreckt und und ich war die last (wo)man standing. Eigentlich wollte ich sie mir nur wegen des Gothic-Trash-Unterhaltungsfaktors anschauen, aber als sie dann mit einem der drei Lieder eröffneten die ich tatsächlich kannte, hatten sie mich irgendwie. Cthulhu Dawn. Ein Lied, das ich vor langer Zeit mal in der glorreichen Zeit der Tauschbörsen heruntergeladen hatte, als ich an einer gewissen Geschichte namens ‚Der Hexer‘ arbeitete. Auch wenn sie manchmal etwas stressig nach japanischem Visual Kei klangen, war ich von der Dreckswiege echt sehr positiv überrascht. Sie haben diese kitschige Gothic-Horror-Stimmung einfach wunderbar rüber gebracht. Danach habe ich mich mit meinen Leuten wieder bei Dream Theater getroffen, aber mit denen bin ich nicht wirklich warm geworden. Zu viele seltsame Tempowechsel um auch ohne tiefere Songkenntnis abrockbar zu sein und irgendwie fehlte mir einfach das Besondere, das heimliche Epische, das, was einer Band den Weg in meinen Gehörgang ebnet. Aber zum Glück gab es zum Abschluss noch Trollfest, auch wenn ich dieses Konzert wieder alleine bestreiten musste. Man stelle sich Korpiklaani in noch etwas schräger vor. Ein Haufen bekloppter Skandinavier die in Laborkittel gekleidet auf eine Mischung aus klassischen und Metal-Instrumenten (unter anderen ein Saxophon) einprügeln und dabei auch noch ein Lied von Britney Spears (!) in eine 1a Schredder-Folk-Metal-Nummer umwandeln haben mir auch die letzte während Dream Theater in die Knochen gekrochene Kälte wieder ausgetrieben. Um wiederum einen Bogen zu einem meiner früheren Posts bezüglich Sport zu schlagen – Ich habe Soulfly und Cradle of Filth auch mit einem Alter über 30 ohne Konditionsprobleme mehr oder weniger in einem Stück durchgetanzt und anschließend noch Trollfest drangehängt. Auf den Highway to Hell mit ritualisiertem Fitnesssttudio-Gehüpfe. Danach habe ich mich zurück ins Camp begeben, noch mein Gute-Nacht-Bier mit der Gang getrunken und war dank des vorsorglich um meine Beine gewickelten Lace-Monsters auch nicht ganz so durchgefroren wie am Abend zuvor.

Sonntag ging es wieder zurück in die Zivilisation und kurz vor meiner Heimatstadt fing es an zu regnen. Etwas wehmütig räumte ich am Abend nach einer ausgiebigen heißen Dusche die Campingausrüstung weg und trank dabei die letzten beiden Dosen Bier. Bis auf die für viele Leute chaotische und langwierige Anreise war es mal wieder ein sehr schönes Festival.

Die Tasche hat sich übrigens hervorragend bewährt, sowohl am Gürtel als auch an den Trageriemen.

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2 Gedanken zu „Im Gelände vergessene Geologen-Arbeitsgeräte und anderes Schwermetall

  1. Pterry sagte am :

    Persönlich finde ich ja von allen Pratchett-Büchern passt „Soul Music“ am besten auf ein Festival. Aber ich will dir da nicht reinreden. Ansonsten war es ein tolles Festival und ich werd mich bemühen demnächst auch noch darüber zu schreiben.

    • Das stimmt, aber ich lese gerade alle Scheibenweltromane in chronologischer Reihenfolge und deshalb war Making Money dran. Andere tolle Festivalbücher sind ‚Überleben auf Festivals‘ von Oliver Uschmann und ‚Armageddon Rock‘ von George R. R. Martin. Letzteres habe ich auf dem RockHarz 2008 gelesen (größteneils im Kofferraum des Autos einer Freundin weil es fast permanent geregnet hat…).

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