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Archiv für die Kategorie “Büchernörgele”

Büchernörgele: Tommy Krappweis – Mara und der Feuerbringer

Musik: Amon Amarth – As Loke falls

Tommy Krappweis lief mir bei meinem Einsatz als Schattenweber-Merchfeeräuberin zuerst als Musiker über den Weg, der sich mit den Schattenwebern die Bühnen teilte und dann auch bei der Ausstellerparty dadurch auffiel, dass er erstens mit der Conmusiker-Allstar-Band mit diversen Rock- Folk- und Bluesklassikern Feierstimmung verbreitete und zweitens dann nach einer Wardrobe Malfunction einfach ohne Hose weiterspielte. Das hat mich doch irgendwie nachhaltig beeindruckt und nach etwas Recherche fand ich heraus, dass der Mann nicht nur Bernd das Brot erfunden, sondern auch mehrere All Age-Fantasyromane geschrieben hat. Das musste ich im Zuge meines mehr Deutsche Autoren lesen-Projekts doch mal ausprobieren. Auch wenn All-Age wegen des üblichen Mädel-hängt-irgendwann-zwischen-zwei-Typen-fest-und-die-Handlung-dreht-sich-fast-nur-noch-darum-Klischees eigentlich nicht so meins ist, in diesem Fall galt, wenn das Buch nur halb so durch war wie sein Autor, konnte das eigentlich nur gut werden.

Worum geht es?

Mara Lorbeer hat zur Zeit mit einigen Dingen zu kämpfen – dem Erwachsenwerden, der Scheidung ihrer Eltern, dem Esoterikfimmel ihrer Mutter und der Tatsache, dass es unter Gleichaltrigen mal so gar nicht cool ist, lieber die Beatles als Justin Bieber zu hören. Als ihre Mutter sie eines Tages zu einem mit Bäumen reden-Seminar schleppt, bekommt sie im Gegensatz zu allen anderen Teilnehmerinnen tatsächlich eine Antwort. Ein sprechender Zweig offenbart ihr, dass sie eine Spákona ist, eine Seherin, und dass den alten Göttern und der ganzen Welt große Gefahr droht, wenn sie nicht hilft. Sigyn, die Frau Lokis, wurde von einem mysteriösen feuerbringenden Wesen entführt und es muss auf jeden Fall verhindert werden, dass sich der gefesselte Loki aus seinen Ketten befreit. Verwirrt sucht Mara Hilfe bei dem Geschichtsprofessor Weissinger, dem es zuerst schwer fällt, ihre Geschichte zu glauben, und gemeinsam versuchen sie herauszufinden, wie sie Ragnarök aufhalten können.

Wer hat es geschrieben?

Tommy Krappweis, Ex-Stuntman, Comedian, Produzent, Regisseur, Buchautor, Musiker und insgesamt ein Mensch mit vielen Talenten, der das meiner Meinung nach passendste Lied über die derzeitige Weltlage schlechthin geschrieben hat: Der Dunning Kruger Blues.

Wie sieht das aus?

Sehr rot. Und nein, es ist kein Buch zum Film, es gibt aber einen Film zum Buch, der es aufgrund der Aversion des deutschen Kinogängers gegen alle heimischen Produktionen die nicht a) ein Krimi, b) eine Beziehungskomödie mit wahlweise Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer oder c) Vergangenheitsbewältigung in irgendeiner Form sind, im Kino sehr schwer hatte. Ich selbst habe die Verfilmung noch nicht gesehen, werde das aber bei Gelegenheit mal tun.

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Und wie fand ich das nun?

Wie schon gesagt, ich lese nur selten All Age-Fantasy, eben wegen des erwähnten Heldin-zwischen-zwei-Typen-Klischees. In diesem Punkt hat Mara und der Feuerbringer bei mir schon mal gewonnen – Es gibt keine Romanze für die Hauptprotagonistin. Wirklich keine. Im Bereich des Jugendbuchs wirklich eine sehr angenehme Überraschung. Und auch sonst war Maras Geschichte ein Spaß auf ganzer Linie. Man muss sich allerdings darauf einlassen, dass Tommy Krappweis‘ Hauptmetier die Comedy ist und der Roman an manchen Stellen etwas überzeichnet wirkt, vor allem was Maras esoterikverrückte Mutter betrifft. Allerdings gibt es auch nachdenkliche Stellen, die diese Überzeichnungen mehr als wett machen. Überhaupt gelingt Krappweis das Kunststück, einen Roman über die germanische Götterwelt zu schreiben, der ohne verstaubte Klischees auskommt, ganz im Gegenteil, sogar einige ironische Seitenhiebe auf eben diese enthält. Etwas, was diese eigentlich faszinierende, aber durch den ideologischen Missbrauch durch das Dritte Reich etwas verpönte Mythologie dringend nötig hat. Ein Jugendbuch, das sowohl lustig und unterhaltsam ist, bei dessen Lektüre man aber auch noch richtig etwas lernen kann – Warum gibt es davon nicht mehr? Es existieren zwei Fortsetzungen, die ich mir bei Gelegenheit definitiv auch noch zulegen werde. Bevorzugt auf einer Convention und dann auch gleich von Herrn Krappweis signiert. Weil der Typ einfach cool ist.

Nach ‚Nebenan‘ von Bernhard Hennen eindeutig mein zweites Highlight der eher humoristisch gelagerten Fantasy dieses Jahr. Außerdem soll Neil Gaiman 2017 ein Buch über nordische Mythologie veröffentlichen. Ich bin sehr gespannt auf diese Kombination. Und da der SuB mittlerweile nach hartem Kampf einen weiteren Zehner geknackt hat und bei 39 angelangt ist, darf ich mir, sofern die finanzielle Lage es zulässt, auch wieder ein paar Bücher leisten.

Büchernörgele: Bernhard Hennen, Robert Corvus – Die Wölfin

Musik: The Vision Bleak – She-Wolf  oder  Judas Priest – Pestilence and Plague

Teil 3 der Lesetherapie für geplagte DSA-Meister. Zugegeben, das Abenteuer gehörte nicht zu meinen liebsten Teilen der Kampagne, deshalb war ich doppelt gespannt, was die Autoren daraus gemacht haben und ob es ein paar Anregungen dafür gibt, so manche Stelle etwas griffiger zu gestalten.

Worum geht es?

Nach den Schrecken des Himmelsturms erwartet Kapitän Phileasson die dritte Aufgabe, die ihn in Gefilde führt, in denen der erfahrene Seefahrer mit seinem Latein (oder Bosparano) so ziemlich am Ende ist. Es gilt, eine heimtückische, tödliche Seuche zu bekämpfen, die unter den Nomadenstämmen des aventurischen Nordens wütet. Währenddessen kämpft sein der im Himmelsturm gefangener Konkurrent Beorn um sein Leben und das seiner Leute und bekommt schließlich ein Angebot, das er nicht ablehnen kann, und dessen Tragweite sich ihm erst langsam erschließt.

Wer hat es geschrieben?

Die tapferen Ritter vom Orden des Bananensafts, Bernhard Hennen und Robert Corvus.

Wie sieht das aus?

Plüsch-Karene gibt es leider nicht, deshalb durften die Elche als Deko einspringen. Der Trend zum Farbverlauf der Cover setzt sich fort. War ‚Nordwärts‘ noch in Türkistönen gehalten, besaß ‚Himmelsturm‘ ein blaues Cover. Nun also Lila. Allerdings ist mittlerweile das Vorschaucover zum vierten Band ‚Silberflamme‘ erschienen und es geht wieder in Richtung Blau. Einerseits schade, weil so ein kompletter Farbverlauf über 12 Bände im Regal sicherlich schick ausgesehen hätte, andererseits hatte ich schon befürchtet, dass ‚Silberflamme‘ in Rosaschattierungen erscheinen würde. Und Rosa ist ‚irghsbleibmirwegdamitböseundfürManowarkissenreserviert‘. Da hätte ich zum Erwerb des Buches wohl eine neutrale braune Papiertüte gebraucht.

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Und wie fand ich das nun?

Die Saga schreitet voran und der Trend aus Band 2, dass die Figuren langsam mehr Profil und Facetten bekommen, setzt sich fort. Dank Phileassons Schurkerei am Ende des letzten Bandes sitzt Beorn mit seinen Getreuen nun im Himmelsturm fest und ist den Grausamkeiten seiner Bewohner gnadenlos ausgeliefert. Hier zeigt sich wieder, dass er zwar skrupellos in der Umsetzung seiner Ziele ist, aber durchaus seine Prinzipien hat und genau wie Asleif alles für seine Leute tun würde. Eigentlich sind sich die beiden Kapitäne gar nicht so unähnlich. Und so hat Beorn für Asleifs Tat neben aller Wut auch eine gewisse Anerkennung übrig. Außerdem erfahren die geneigten Leserinnen und Leser, was sich hinter dem Portal befindet, an dessen Durchquerung Vascal della Rescati im letzten Band so spektakulär scheiterte, was der Blender über Intimrasur denkt, und dass nach einem vermeintlich erfolgreichen Plan der Catch 22 um so härter zuschlagen kann. Zudem gibt es erstmals nähere Hinweise darauf, was damals genau geschah, als Beorns Schwester starb und Freundschaft zu unversöhnlichem Hass wurde.

Währenddessen wird Asleif Phileasson von ganz anderen Sorgen geplagt: Die Hafenbürokratie in der nördlichen Handelsstadt Riva ist eine wahre Herausforderung für die Nerven eines Thorwalers der Probleme am lieber direkt löst als dem sprichwörtlichen Passierschein A38 hinterherzujagen (Hier laufen Ohm Follker und seine geschmeidige Zunge zu wahrer Höchstleistung auf), und auch die Bekämpfung einer Seuche ist nicht gerade eine Aufgabe, mit der ein zukünftiger König der Meere rechnet. Nichtsdestotrotz nimmt Asleif die Herausforderung an und findet sich in Situationen wieder, in denen seine Erfahrung als Seefahrer und Kapitän ihm rein gar nichts nützt. Um so mehr muss er sich auf seine mittlerweile auf einige neue Mitglieder angewachsene Schiffsgemeinschaft verlassen und kann sich glücklich schätzen, bei der Auswahl seiner Mannschaft nicht nur auf Kampfstärke geachtet zu haben.

Im dritten Band tauchen zwei neue Perspektivfiguren auf: Der aus dem Himmelsturm befreite Geweihte Praioslob und die Nivesin Nirka. Besonders Praioslob hat mir gut gefallen. Endlich mal ein Praiosgeweihter, der sich in eine Abenteurergruppe integrieren ließe, ohne dass ihn alle nach spätestens zwei Spielsitzungen hassen. Obwohl fest im Glauben, hadert er doch so manches Mal mit den radikalen Dogmen seiner Kirche. Ist es wirklich so abgrundtief schlecht, eine Lüge zu sprechen, wenn er jemandem dadurch in verzweifelter Stunde Trost zusprechen kann? Eine interessante Figur, von der ich gern mehr lesen möchte, allein schon weil er mit dem Praiosgeweihten-Klischee so schön bricht.

Leider ist die zunehmende Menge an Perspektivfiguren vor allem auf der Phileasson-Seite für mich auch der Schwachpunkt des Buches – im Mittelteil zerfasert sich die Handlung etwas und es fällt völlig hinten runter, was die eigentliche Hauptfigur während der Seuchenbekämpfung tut oder sich zu der ganzen Sache denkt. Das finde ich sehr schade, denn eigentlich ist er es doch, der diese Aufgabe erhalten hat. Dafür darf der gute Käptn später noch mal beweisen, dass er eigentlich doch die Seele eines Piraten hat: Die Szene in der er überlegt, dass der Wandteppich leider zu schwer zu Abtransport ist, aber man vielleicht doch zumindest einen der silbernen Kerzenleuchter mitgehen lassen könnte, war eins meiner persönlichen Highights. Auch der emotionale Abschied von seinem Schiff (vermutlich seine wahre Liebe) und das Gespräch, das Nirka davon überzeugt, selbst in die Welt hinauszuziehen, haben mir sehr gut gefallen.

Auch Beorns Ottojasko hat ihre schönen Momente, wobei mal wieder besonders Galayne heraussticht, der sich immer mehr in seinen eigenen Intrigen und denen anderer Mächte verstrickt, und nun den Maulwurf bei der Gemeinschaft spielen darf, die ihn als erste nach ewiger Zeit als einen der ihren zu akzeptieren beginnen. Ich werde immer mehr ein Fan dieser Figur, die sich eigentlich nur danach sehnt, irgendwo dazuzugehören, und dabei doch wieder über seine Agenda stolpert.

Insgesamt ein schönes Buch, bei dem das Lesen viel Spaß gemacht hat, wenn auch der Mittelteil ein paar leichte Hänger enthielt. Nun beginnt eine lange Durststrecke – Band 4 erscheint erst im Oktober nächsten Jahres.

 

SPOILER

 

Wie schon gesagt, der Plot mit der Nivesenseuche ist unbedingt mein Lieblingsabenteuer der Saga. Die Seuche auszuspielen hat mir persönlich nicht so viel Spaß gemacht, dafür gab es auf dem anschließenden Karentreck einige schöne Szenen und die Spieler lernten die Wichtigkeit von so oft verschmähten Talenten wie ‚Viehzucht‘ zu schätzen. Ein komödiantisches Highlight war das Goblin-Reitschwein, das sich die Zwergenkriegerin bei der Episode mit den Goblin-Viehdieben eingefangen hatte und das sie unbedingt zureiten wollte. Nun ja. Das war die Stelle wo das Abspielen des Benny Hill-Themes immer wenn jemand wus der Gruppe etwas wirklich Dummes tut, eingeführt wurde. Die anderen Charaktere hatten am Betrachten des regelmäßigen Zwergenrodeos jedenfalls sehr viel Spaß. Der notgeile Norbarde musste natürlich die Dryade im Feenwald anbaggern und in einer Kneipe am Wegesrand wurde fleißig Wässerchen verkostet, wobei der Swafnir-Geweihte zum absoluten Trinkkönig der Gruppe wurde. Und in einem waren sie sich alle einig, als sie endlich Festum erreichten: Sie wollten nie, nie wieder ein verdammtes Karen sehen!

Büchernörgele: Bernd Perplies, Christian Humberg – Star Trek Prometheus

Musik: JBO – Der Star Track

Letzte Woche fiel der Blogpost aus, weil ich quasi innerhalb der Wohnung umgezogen bin, mit anderen Worten, das zeitweilige Schlafzimmer für meinen neuen Mitbewohner wieder geräumt habe. Aber nun ist das Tetris-Spiel für Fortgeschrittene alias alles wieder in ein Zimmer quetschen erfolgreich abgeschlossen und ich habe den Kopf wieder frei für andere Dinge. Und da ich derzeit nur an kreativen Langzeitprojekten arbeite, habe ich beschlossen, einfach so lange Bücher zu benörgeln bis ich wieder was vorzeigen kann. Also weiter im Projekt ‚Horatia liest mehr deutsche Autoren‘.

Bernd Perplies kenne ich als Autor schon seit einigen Jahren. Zuerst aufmerksam wurde ich auf ihn im Zuge meiner Jagd auf Steampunkromane durch seine Reihe ‚Magierdämmerung‘, die mich ziemlich begeistert hat, unter anderem weil sie ein sehr interessantes und individuelles Magiekonzept hat. Daraufhin besorgte ich mir die ersten beiden Bände seiner Erstlingsreihe ‚Tarean‘ (Der dritte fehlt mir immer noch und ich habe fest vor, ihn irgendwann noch zu lesen) und war im Rahmen der Jugendlicher Auserwählter-Klischeefantasy auch sehr zufrieden (Manchmal brauche ich einfach meine Dosis genau davon – und Herr Perplies‘ Schreibstil erinnert mich stark an meinen, weil er genauso gern Bandwurmsätze bildet wie ich). Seine Jugenddystopiereihe habe ich ausgelassen, weil Jugenddystopien nicht so mein Ding sind, aber dann kam seine zweibändige unter dem Pseudonym Wes Andrews veröffentlichte Firefly-Ersatzbefriedigung ‚Frontiersmen‘, die ich wieder begeistert verschlungen habe. Derzeit hat er auch noch eine andere, an die Antike angelehnte Reihe laufen, die ich aber erst lesen werde, wenn alle Bände draußen sind. Ich mag es einfach nicht, -zig angefangene Reihen in meinem Bücherregal zu haben. Irgendwann fand ich dann heraus, dass Herr Perplies zusammen mit einem Kollegen namens Christian Humberg auch Kinderbücher schreibt. Und da ich hin und wieder auch gerne schöne Kinderbücher lese, und es in einer Rezension hieß, der Schauplatz wäre quasi Ankh-Morpork für jüngere Leserinnen und Leser, besorgte ich mir den ersten Band der Reihe ‚Drachengasse 13‘. So ein Kinderbuch frühstücke ich in einem Abend weg und auch als erwachsener Mensch wird man gut unterhalten, wenn man mit eher an Kinder gerichteten Büchern etwas anfangen kann. Leider blieb es bisher bei dem einen Band für mich (den ich auch mittlerweile zweimal gelesen habe), irgendwann lese ich auch mal den Rest. Und dann hörte ich, dass die gleichen Verdächtigen zum 50. Star Trek-Jubiläum die ersten von deutschen Autoren erschaffenen Star Trek-Romane schreiben und meine Neugierde war geweckt. Seit 20 Jahren bin ich begeisterte Star Trek-Glotzerin (Die Originalserie war auch der Grund, weshalb ich zum 15. Geburtstag einen Fernseher geschenkt bekam, weil meine Mutter damals keine Lust mehr hatte, dass ich sonntags im Wohnzimmer Raumschiff Entenscheiß alias die Klassik-Serie schaute) und ich erinnere mich noch gut an abendliche Voyager-Doppelfolgensessions auf meinem Kinderzimmersofa. Aber kann Star Trek auch in Buchform überzeugen? Bisher hatte ich, was das betraf, so gut wie keine Erfahrungswerte, da ich nur einen einzigen Star Trek-Roman gelesen hatte. Und der war auch nicht wirklich repräsentativ, weil es die Biographie meiner absoluten Trek-Lieblingsfigur (Garak!!!) war. Frei nach dem Motto ‚To boldly go where Horatia has not gone before‘ ließ ich mich einfach mal auf den ersten Band ‚Feuer gegen Feuer‘ ein.

Worum geht es?

Nach diversen existenzbedrohenden Krisen scheint die Vereinigte Föderation der Planeten endlich wieder etwas zur Ruhe zu kommen. Doch dann erschüttern brutale Terroranschläge sowohl die Föderation als auch das Klingonische Reich. Zu den Anschlägen bekennt sich eine extremistische Splittergruppe vom Volk der Renao, deren Heimat der im Grenzgebiet der Föderation und den Klingonen gelegene Lembatta-Cluster ist. Nach zähem diplomatischem Hickhack einigen sich die beiden Großmächte darauf, je ein Schiff in den Cluster zu entsenden. Die USS Prometheus unter dem dem kriegmüden Veteranen Richard Adams und die IKS Bortas, ein Schiff, das seine besten Tage hinter sich hat und dessen Kommandant Kromm sich selbst und dem klingonischen Reich unbedingt beiweisen will, dass er doch zu irgendwas taugt. Zusammen machen sich die beiden ungleichen Besatzungen daran, das Geheimnis des Lembatta-Clusters zu ergründen. Werden sie es schaffen, trotz völlig unterschiedlicher Grundeinstellungen und wachsendem Druck von außen das Rätsel zu lösen oder werden Alpha- und Beta-Quadrant in einem neuen Krieg versinken?

Wer hat es geschrieben?

Bernd Perplies und Christian Humberg. Beide Autoren sind begeisterte Trekkies und Veteranen der Übersetzung diverser Star Trek-Romane aus dem Englischen und schrieben schon erfolgreich einige Kinderbücher zusammen. Also warum auch nicht eine Star Trek-Reihe?

Wie sieht das aus?

Schritt 1: Schamloses Webcam-Posing eines Bücher-Suchtlings mit Band 1.

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Und alle drei Bände zusammen. Ich finde die Cover immer sehr passend zum jeweiligen Roman. Und wenn sie im Regal nebeneinander stehen fügen sich die Buchrücken zu einem Komplettbild der Prometheus zusammen. Da hat jemand beim Design wirklich mitgedacht!

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Und wie fand ich das nun?

Ich bin mit einer gewissen ‚Mal schauen, was da kommt‘-Mentalität an den ersten Band herangegangen. Seit dem Ende von Voyager war viel in Trek-Universum passiert, von dem ich keine Ahnung hatte, da ich die zwischenzeitlich erschienenen Romane nicht kannte. Würde ich der Handlung trotzdem folgen können? In dieser Hinsicht kann ich alle, die vielleicht deshalb zögern, beruhigen. Alles, was für die Handlung wichtig ist, wird kurz und bündig und in die Geschichte eingeflochten noch mal kurz erklärt. Ich hatte jedenfalls nicht das Gefühl, in der Luft zu hängen. Allerdings ist eine gute Kenntnis der Fernsehserien und der Kinofilme hilfreich um sich an den zahlreichen Anspielungen erfreuen zu können, allein schon weil die Prometheus selbst ihren Ursprung in einer Voyager-Folge hat.

Die Geschichte beginnt zur Zeit der Classic-Serie und ich hatte aufgrund der plastischen Beschreibungen sofort die entsprechenden Uniformen und Kulissen vor Augen. Wenn man sich spontan beim Lesen die eindeutige Studioatmosphäre einer Planetenoberfläche mit Pappmachéfelsen, die für mich zur Classic-Serie einfach dazugehört, vorstellen kann, ist das schon ganz großes, episches Kopfkino. Die Reihe fährt über drei Bände einen Rundumschlag um alles auf, was Star Trek ausmacht. Forscherdrang, Diplomatische und militärische Konflikte, ambivalente Figuren, unerklärliche Phänomene denen auf den Grund gegangen werden muss und dem als Science-Fiction verpackten zutiefst humanistischen Kommentar zu derzeitigen irdischen Konflikten. Mit Star Trek geht es mir wie mit Terry Pratchett – wenn mehr Menschen es lesen bzw. schauen und verstehen würden, wäre diese Welt wesentlich besser. Das Leseerlebnis war vergleichbar mit meinen DVD-Sessions vom Anfang des Jahres, frei nach dem Motto ‚Och, eine Folge, beziehungsweise in diesem Fall ein Kapitel, geht noch!‘ ‚Oh, verdammt, es ist schon mitten in der Nacht!‘. Nicht unerheblich trugen die Protagonisten sowohl auf der Sternenflotten- als auch auf der Klingonenseite dazu bei. Captain Richard Adams, der kriegsmüde Veteran vieler Schlachten, der in seinem Leben schon so viel verloren hat und nun noch mehr verliert. L’emka, die es von einer Agrarwelt zu ersten Offizierin eines klingonischen Schlachtenkreuzers gebracht hat und die nicht nur mit dem Bath’leth sondern auch mit dem Hirn denkt. Lieutenant Jassat ak Namur, dessen Volk sich gerade zur potentiellen Bedrohung für den Frieden der Galaxis entwickelt. Chefingenieurin Jenna Kirk, die mit ihrem berühmten Vorfahren hadert. Kapitän Kromm, der weiß, dass er sein Kommando nur aufgrund seiner Abstammung erhalten hat und unbedingt zum wahren Helden des klingonischen Reiches werden will, egal wie hoch der Preis ist. Sicherheitschefin Lenissa zh’Thiin, die abgesehen von der äußerst komplizierten Mission auch einiges in ihrem eigenen Leben und dem Verhältnis zu ihrer Spezies zu sortieren hat. Ensign Paul Winter, Deutscher mit afrikanischen Vorfahren, Kommunikationsoffizier und Genie an der Sensorenphalanx. Abgerundet wird das neue, von bisherigen Publikationen völlig unabhängige Hauptensemble durch einige alte Bekannte, insbesondere ein gewisser, mittlerweile ziemlich alter vulkanischer Botschafter, der der ganzen Geschichte durch seine wunderschöne Darstellung durch die Autoren noch mal eine ganz besondere Würze verleiht. Auch wenn manche Auftritte alter Bekannter etwas bemüht wirken, fügen sie sich doch insgesamt harmonisch in die Handlung ein, was den Charakter einer Jubiläumsgeschichte noch mal unterstreicht, und ich habe mich über die Wiedersehen mit vielen alten imaginären Freundinnen und Freunden auch sehr gefreut. Und Garak wurde zumindest mal erwähnt, was mein Fangirlherz sehr erfreut hat. Auch hat mir gut gefallen, dass es mit dem Lembatta-Cluster ein überschaubares Handlungsgebiet gab und trotz des potentiell quadrantenerschütternden Konflikts nicht gleich die halbe Galaxis in Schutt und Asche gelegt wurde. Mein persönlicher Geschmack bevorzugt nun mal die etwas kompakteren Szenarien.

Wie schon bei der Phileasson-Saga, die auch von einem Autoren-Duo verfasst wird, wirken auch diese Bücher wie aus einem Guss und ich konnte keine stilistischen Sprünge feststellen. Nur die ganz gewisse Art, mit der Bernd Perplies in seinen Einzelwerken Figuren umschreibt wenn er sie nicht beim Namen nennt, fiel mir auch hier auf, aber ich konnte beim besten Willen nicht sagen, welcher Autor nun für welche Kapitel verantwortlich war, oder ob sie alles gemeinsam geschrieben haben. Bernd Perplies und Christian Humberg haben mit der Prometheus-Trilogie eine Geschichte in bester Star Trek-Tradition geschaffen, die sowohl durch einen gut ausgearbeiteten Spannungsbogen unterhält als auch bei Betrachtung der Situation in der sich unsere Welt gerade befindet zum Nachdenken anregt. Auch wenn mein damaliger Deutschlehrer und ich was unseren Geschichtengeschmack betraf absolut nicht kompatibel waren, hat ein Satz von ihm mich doch geprägt. Da er auch Englischlehrer war, hat er es uns auch im Deutsch-Grundkurs mal auf Englisch erklärt. Der Sinn einer guten Geschichte wäre in gleichen Teilen ‚To instruct and to delight‘. Und das trifft auf Star Trek Prometheus voll zu, auch wenn er über den Metaplot vermutlich die Nase rümpfen würde. Eine Botschaft die heute wichtiger ist denn je. In diesem Sinne: Live long and prosper.

Büchernörgele: Bernhard Hennen – Nebenan

Musik: Blind Guardian – Imaginations from the other Side

Hier nun Teil 2 des Tests, wie mir die beiden Phileasson-Autoren jeweils alleine so gefallen. Im Gegensatz zu Robert Corvus war mir Bernhard Hennen schon länger ein Begriff, einmal natürlich von der Abenteuerband-Version der Phileasson-Saga und zum anderen von dem Roman ‚Die Elfen‘, den ich vor vielen Jahren mal von einem Freund ausgeliehen und dann abgebrochen hatte. Dies lag nicht daran, dass er schlecht geschrieben gewesen wäre, sondern an meinem dringenden Bedürfnis, die weibliche Hauptfigur an die Wand zu klatschen. Ich glaube, Elfen sind einfach nicht mein Volk. Also musste ein Buch von Bernhard Hennen her, das nichts mit Elfen zu tun hat. Gibt es das? Ja, das gibt es. Zumindest beinahe. Ein Elf kommt vor, aber es ist kein typischer High Fantasy-Elf. Damit kann ich leben.

Worum geht es?

Germanistikstudent und Hobby-Mittelalterdarsteller Till ist mit seinem Leben gerade alles andere als zufrieden – Seine Zulassung zum Examen an der Uni Köln ist akut gefährdet, seine Nerd-WG beginnt, sich ernsthaft mit dem Thema ‚erwachsen werden‘ auseinanderzusetzen und in der Liebe sieht es auch nicht gerade rosig aus. Als Till sich bei einem keltischen Samhainritual in der Eifel aus Frust so richtig die Kante geben will, verpatzt er seinen Teil des Rituals und öffnet so versehentlich eine Pforte nach Nebenan, wo allerlei finstere Märchen- und Sagengestalten nur darauf lauern, in die reale Welt zurückzukehren, von wo sie einst verbannt wurden. Einer kleinen Gruppe bestehend aus dem Magier Cagliostro, dem Erlkönig und einem geistig herausgeforderten Werwolf gelingt der Übergang, was die Kölner Heinzelmänner, die seit vielen Jahrhunderten die Hüter der Pforten nach Nebenan sind, auf den Plan ruft. Mit immer größerem übernatürlichem Chaos konfrontiert, schmieden sie einen waghalsigen Plan um alles wieder in Ordnung zu bringen. Einen Plan, der eine Gruppe mit Schwertern bewaffneter Nerds beinhaltet…

Wer hat es geschrieben?

Bernhard Hennen, einer der bekanntesten Fanatsyautoren Deutschlands. Den allermeisten ist er wohl durch seine Vorliebe für spitzohrige Protagonisten ein Begriff. Ich hatte auf der RPC das Glück, einen von ihm moderierten Workshop besuchen zu können und es hat sich voll gelohnt. Der Mann kommt live sehr sympathisch rüber und hat außerdem echtes Stand Up Comedy-Talent.

Wie sieht das aus?

Weiß und ganz klassisch mit Schwert und schickem Spruchband. Die Totenköpfe in den Ecken sind ein nettes Detail.

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Und wie fand ich das nun?

Also, wo fange ich an? Ein computerverrückter, mafiafilmbegeisterter Heinzelmannboss, Ein Albenfürst, der den Ökoterrorismus als Betätigungsfeld entdeckt, Ein AKW-Mitarbeiter, der eigentlich ursprünglich nur das System unterwandern wollte, eine Reitmöwe mit Killerinstinkt, ein Securitymann der glaubt, vom Predator verfolgt zu werden, eine Star Trek-verrückte Friseuse, die Heilige Inquisition… Es würde den Beitrag sprengen, hier alle liebevoll-abstrusen Figuren aufzuzählen, die diesen Roman bevölkern. Auf 550 Seiten wird die Stadt Köln von einer wahrlich durchgedrehten, mit popkulturellen Zitaten gespickten extraterrestrischen Invasion der etwas anderen Art heimgesucht, und das zu lesen macht unheimlich Spaß und erinnert vom Setting her stellenweise stark an den Campusfantasy-Klassiker ‚Fool on the Hill‘ von Matt Ruff. Trotzdem geht ‚Nebenan‘ ganz eigene Wege, indem viel Gewicht auf den deutschen Sagenraum gelegt wird und wie sich seine Fabelwesen mit der modernen Welt arrangiert haben. Dass zum Beispiel die Heinzelmänner auf die Menschen sauer sind, weil diese irgendwann begannen, kleine, kitschige Stauten von ihnen in ihren Gärten aufzustellen, klingt sehr einleuchtend. Die Hauptfigur Till weist einige Parallelen zum Autor auf und in einem ausführlichen Nachwort erklärt Bernhard Hennen, dass ‚Nebenan‘ ein sehr autobiographischer Roman ist, und welche realen Begebenheiten und Orte in zu verschiedenen Buchszenen inspiriert haben (und dass das reale Leben manchmal noch verrücktere Dinge ausspuckt als die Fantasie eines Autors). Da bekomme ich richtig Lust auf eine etwas andere Köln-Besichtigungstour, nachdem ich schon in London auf den Spuren von Patrick O’Brian und Lycidas gewandelt bin. Vor allem den Übungsstollen unter der Uni würde ich gern mal besuchen. Für mich war es auch aus anderem Grund das richtige Buch zur richtigen Zeit. Genau wie bei Protagonist Till neigt sich auch meine Uni-Zeit endgültig dem Ende zu und das ominöse ‚Endgültig Erwachsen Werden‘ dräut am Horizont. Da ist es schön, von anderen Nerds zu lesen denen es genauso geht. Etwas schade fand ich, dass es manchem Handlungsstrang etwas an Erklärung mangelt, aber das tat dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Ich habe mich köstlich amüsiert und weiß nun auch Bescheid, wie Schokopudding als Kriegswaffe eingesetzt werden kann und wie groß die Chancen für einen gewissen Heinzelmann sind, Jennifer Lopez zu heiraten.

Von mir gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle die ‚Fool on the Hill‘ von Matt Ruff mochten und mal wieder einen humorvollen Urban Fantasy-Roman lesen wollen. Bernhard Hennen kann definitiv mehr als nur Spitzohren (und einäugige Plünderfahrer). In diesem Sinne: Großhirn an Mund! Buch empfehlen!

Büchernörgele: Robert Corvus – Rotes Gold (Die Schwertfeuer-Saga Band 1)

Musik: Die Streuner – Söldnerschwein

Einer meiner Vorsätze für 2016 bestand darin, mehr deutsche Autoren zu lesen, und ich finde, ich habe mich bisher ganz gut geschlagen. Und als ich dann Phileasson 1 las und eine Menge Spaß mit dem Buch hatte, beschloss ich, mal herauszufinden, was die beiden Autoren Solo so drauf haben. Was Bernhard Hennen betrifft muss ich gestehen, dass ich vor vielen Jahren die Elfen mal angelesen, aber dann abgebrochen habe, weshalb ich für meinen Test dann auch ein Buch ausgewählt habe, das mit beziehungsneurotischen Elfen nichts zu tun hat (Testergebnis folgt). Robert Corvus hingegen war für mich bisher ein völlig unbeschriebenes Blatt. Aus dem Netz wusste ich, dass er eher düstere Fantasy schreibt. Da ich Andrzej Sapkowski, George R. R. Martin, Scott Lynch und Jim Butcher mit großer Begeisterung verschlungen und sowieso ein Faible für Hard Boiled-Geschichten habe, klang das schon mal gut. Als Testobjekt habe ich mir ‚Rotes Gold‘ besorgt, der derzeit aktuellste Roman.

Worum geht es?

Der Klingenrausch aus der Dämonen huldigenden Stadt Rorgator ist eine der berühmt-berüchtigtsten-Södnereinheiten der Welt. Als ihr Anführer Kester bei der Eroberung der Stadt Abidia einem Heckenschützen zum Opfer fällt, droht die Eliteeinheit zu zerfallen und nur dem Einfallsreichtum von Kesters Tochter Eivora und einem neuen Auftrag ist es zu verdanken, dass es vorläufig nicht soweit kommt. Der Klingenrausch soll einen machtgierigen König dabei unterstützen, die als uneinnehmbar geltende Stadt Ygôda zu erobern. Eivoras ganzer Einfallsreichtum ist gefragt, sich selbst als plötzliche Anführerin der schlachtentscheidenden Untereinheit zu beweisen, den Auftrag zu einem erfolgreichen Ende zu bringen und herauszufinden, wer innerhalb des Klingenrauschs Ränke gegen wen schmiedet…

Wer hat es geschrieben?

Robert Corvus, Autor mit (ich erwähnte es bereits) gutem Musikgeschmack (ich freue mich immer, wenn noch jemand The Vision Bleak kennt und mag, und er hat sogar das gleiche Bandshirt wie ich) und einem sehr sehenswerten Videoblog, in dem er über sein Leben als Schriftsteller, Schreibtheorie und die Hintergründe der Buchbranche plaudert, oder mit einer Kamera über Conventions läuft und alles interviewt was nicht rechtzeitig geflohen ist.

Wie sieht das aus?

Zuerst erinnerte mich das Cover an eine Kopie von Saurons Helm aus den Herr der Ringe-Verfilmungen, doch nach Lektüre des Buchs ergibt das Motiv eindeutig einen Sinn.

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Und wie fand ich das nun?

Ich habe ‚Rotes Gold‘ im Regionalzug von Göttingen nach Kassel angefangen zu lesen und habe nach zwei Seiten den lautstarken radwandernden Kegelclub einen Vierersitz weiter erfolgreich mental ausblenden können. Das spricht bei meinem leicht zu Reizüberflutung neigenden Ich schon mal eindeutig für ein Buch.

‚Rotes Gold‘ ist kein Buch für zartbesaitete Leserinnen und Leser. Es ist dreckig, brutal, fies und gemein. Und das ist gut so. Es zeigt, dass auch die Leute, die oft genug Antagonisten rechtschaffener, guter(TM) Helden sind, eigentlich nur ganz normale Leute mit ganz alltäglichen Sorgen und Nöten sind, auch wenn sie Feuerdämonen verehren. Ein interessanter Aspekt sind die jede Söldnereinheit begleitenden Avatare der Dämonen, eine Symbiose aus einem Menschen und einem dämonischen Homunculus, und das titelgebende magische Schwertfeuer, das sie entfachen können, quasi die virtuell zum Leben erweckte Schlachtfeldkarte der Fantasy. Der Avatar des Klingenrauschs, Chastro-Ignuto, ist jemand, den man als Leser gleichzeitig sowohl aufgrund seines notorischen Sadismus hassen als auch irgendwie bedauern kann, weil er damals so dumm war, sich auf diesen Pakt einzulassen, den er mittlerweile in den wenigen Momenten, in denen sein dämonischer Symbiont schläft, zutiefst bereut. Aber die Existenz als Avatar bedeutet Macht. Eine Macht, die auch eigentlich zutiefst rechtschaffene Personen anlockt, die mehr als genug Leid und Verzweiflung gesehen haben und nach einer Möglichkeit suchen, diesem endlich ein Ende zu bereiten.

Eivora als Hauptfigur ist eine interessante Protagonistin. Mit weiblichen Figuren tue ich mich oft schwer (die Gründe würden genug Stoff für einen eigenen Blogpost bieten). Aber Robert Corvus ist es mit Eivora gelungen, diverse gängige Klischees zu umschiffen. Sie hat ihre Stärken, ist aber keineswegs unfehlbar und auch nicht vollbusig und supersexy, aber trotzdem von allen gemobbt und so weiter. Außerdem hat sie mal ein echtes Hobby, das nichts mit ihrem Geschlecht zu tun hat. Und als ihr ein Mann begegnet der sie interessiert, ergreift sie die Initiative, schmachtet nicht ewig passiv in der Gegend rum und gibt auch anschließend nicht ihr Hirn an der Garderobe ab (was viel zu viele ach so kämpferische Protagonistinnen in Romanen, sobald sie ihrem evil bad boy Traummacker begegnet sind, leider tun…). Die daraus resultierende Sexszene kam zwar nicht an das kreative Meisterstück aus aus Andrzej Sapkowskis ‚Die Dame vom See‘ ran, war aber trotzdem mal was anderes als der übliche Quotensex.

Die im Buch enthaltene Karte zum Schauplatz Ygôda ist schön gezeichnet und half sehr dabei, die Situation anschaulich zu machen.  Was ich allerdings etwas vermisst habe, sind eine Weltkarte und eine genauere Weltenbeschreibung. So bleibt leider unklar, wo Rorgator, Ygôda und Abidia im Verhältnis zueinander liegen und wie die allgemeine Beschaffenheit der Welt aussieht, auf die scheinbar sowohl Götter als auch Dämonen Einfluss haben.

Der Schreibstil ist der rauen Welt der Söldner angemessen eher nüchtern, sachlich und präzise, große sprachliche Schnörkel sucht man vergebens. Manche Situationen und allgemein die Beschreibung der Stadt Ygôda kamen mir als Liebhaberin ausführlicher Beschreibungen allerdings etwas zu kurz.

Und an einer Stelle muss die Diplom-Geowissenschaftlerin in mir doch mal klugscheißen. Im Glossar wird Lava als Gestein beschrieben, was umgangssprachlich auch gerne mal so genannt wird. Nach der geologischen Definition bezeichnet Lava jedoch flüssiges Gestein, das an die Oberfläche getreten ist (im Gegensatz zu Magma, wie die gleiche Sache genannt wird, solange sie noch nicht an die Erdoberfläche gekommen ist). Das im Buch beschriebene Gestein heißt korrekt Basalt (zumindest gehe ich davon aus, dass es Basalt ist, wenn das Ursprungsmaterial eher dünnflüssig ist) und nicht Lava. Ja, was geologische Terminologie betrifft, bin ich immer sehr erbsenzählerisch, zu irgendwas muss mein Studium ja gut sein. (Immer wenn ich zum Beispiel den Schicksalsberg in den Herr der Ringe-Verfilmungen sehe, habe ich auch das dringende Bedürfnis, mit dem Kopf die Tischkante zu bearbeiten. Bei derartig flüssiger Lava entsteht nie und nimmer ein so steiler Vulkan. Aber im Kino hätte es vermutlich wesentlich weniger spektakulär ausgesehen, wenn Frodo und Sam gemütlich die sanften Hänge eines Schildvulkans hochgelatscht wären.)

Insgesamt ist ‚Rotes Gold‘ ein schönes Buch, wenn man auch mit der dreckigen, düsteren Seite der Fantasy etwas anfangen kann. Außerdem gefällt mir das Konzept des Schwertfeuer-Zyklus, aufeinanderfolgende aber in sich abgeschlossene Geschichten zu erzählen. Ich bin gespannt, wie es mit Eivora und dem Klingenrausch in der Fortsetzung ‚Weißes Gold‘, die Anfang 2017 erscheinen wird, weitergeht. Robert Corvus hat den Solo-Lesetest definitiv bestanden. Und wie ich herausgefunden habe, hat er auch ein paar völlig in sich abgeschlossene Bücher geschrieben. Lieber Ex-Mitbewohner, falls du das liest, deine jährliche Geburtstagsgeschenkchallenge (Ich wünsche mir einen in sich abgeschlossenen Fantasyroman) wurde hiermit sehr viel einfacher!

Büchernörgele: Bernhard Hennen, Robert Corvus – Himmelsturm

Musik: Savatage – The Dungeons are calling oder Rhapsody of Fire – Bloody Red Dungeons. Sucht es euch aus oder hört einfach beides.

Worum geht es? Ein sehr bekannter britischer Fantasyautor schrieb mal sinngemäß: „Wenn sich irgendwo ein großer einladender Hebel befindet, über dem ein Schild mit der Aufschrift ‚Wer diesen Hebel zieht, wird das Ende der Welt auslösen‘ hängt – Wie lange dauert es wohl, bis jemand diesen Hebel betätigt? Antwort: Die Farbe auf dem Schild hätte keine Zeit, zu trocknen…“

Nun stelle man sich einen Dungeon mitten im ewigen Eis vor. In einem Raum in der Nähe des Eingangs hängt ein großer, einladend wirkender Gong. Was wird höchstwahrscheinlich mindestens einer der lieben Spieler mal ausprobieren? Genau. Willkommen im Himmelsturm, dem wohl berühmt-berüchtigtsten Dungeon Aventuriens, der vermutlich mehr Spielleiter in den Wahnsinn getrieben hat als der gesammelte Kreaturenzoo von H. P. Lovecraft.

Zu diesem Dungeon zieht es nun die beiden um den Titel ‚König der Meere‘ streitenden Drachenschiffkapitäne Asleif ‚Foggwulf‘ Phileasson und Beorn ‚Der Blender‘ Asgrimmson, denn sein Geheimnis zu erkunden ist die zweite Aufgabe, die sie zur Erlangung des Titels lösen müssen. Was werden sie in den eisigen Tiefen des Turms, um den sich zahlreiche schaurige Legenden ranken, vorfinden?

Wer hat’s geschrieben? Die gleichen Verdächtigen die auch den Vorgängerband geschrieben haben, namentlich Bernhard Hennen und Robert Corvus.

Und wie sieht das aus? Sehr hübsch hellblau, auch wenn das Coverbild nicht dem wahren Aussehen des Himmelsturms entspricht. Sehr begeistert haben mich mit meinem Oktopusfimmel die Vignetten zum jeweiligen Kapitelbeginn: Ein thorwalsches Ornament, aus dem sich Tentakel winden. Da muss ich Robert Corvus recht geben: Alles ist besser mit Tentakeln, weshalb auch noch ein wenig Deko mit aufs Foto musste und ich mich mal dilettantisch in schicker Hipster-Blogfotografie versucht habe.

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Und wie fand ich das nun? Wie schon der Vorgängerband ‚Nordwärts‘ beginnt ‚Himmelsturm‘ mit einem ca. 80seitigen Prolog, der sich dieses Mal mit dem Magier Abdul el Mazar beschäftigt und wie es dazu kam, dass er in die ziemlich haarige Situation geriet, in der die Helden später auf ihn treffen. Für mich war es die erste richtige Begegnung mit Abdul, weil ich ihn aus verschiedenen Gründen aus meiner Version der Saga gestrichen hatte, und er war mir auf Anhieb sympathisch. Insgesamt hat mir dieser äußerst spannende Prolog wesentlich besser gefallen als der des ersten Bandes, auch wenn ich mit selbigem mittlerweile aus Spielleitersicht auch meinen Frieden geschlossen habe, denn mit etwas Arbeit ließe sich daraus letztendlich ein schönes Detektiv-Einstiegsabenteuer für die Saga stricken.

Dann ging es los mit dem epischen Dungeoncrawl, der einem auch Beorns Mannschaft wesentlich näher gebracht hat. Blieben sie im ersten Band größtenteils eindimensional und blass, konnten sie hier auch mal zeigen, was abseits von der Gier nach Beute charakterlich in ihnen steckt und auch Beorn selbst kommt nicht mehr als völlig kaltherzig und skrupellos rüber. Es scheint zudem, dass er genau die Traviageweihte bekommen hat, die zu ihm passt. Jetzt, wo man sie endlich mal näher kennenlernt, entpuppt sich Lenya als sehr interessante Figur, die heimliche Sympathien für eine andere, gnadenlosere Gottheit hegt. Auch der finstere Elf Galayne ist in seiner Undurchschaubarkeit sehr faszinierend und man fragt sich immer wieder, was wohl sein heimlicher Plan sein mag. Denn dass er mehr über den Himmelsturm weiß, als er den anderen gegenüber zugibt, ist von Anfang an klar wie Kloßbrühe. Sehr lachen musste ich, als Beorn Asleif abfällig einen Kartenzeichner nannte, das ist nämlich genau die Formulierung, mit der wir Geologen uns gerne mal über die Geographen lustig machen. Dennoch, wäre Beorns Mannschaft eine Rollenspielgruppe, wäre es größtenteils die Fraktion der Loot- und Erfahrungspunktejäger, während sich die Charakterspieler eher um Phileasson gesammelt haben.

Während Beorns Truppe sich also mit Gewalt daran machte, dem Himmelsturm sein Geheimnis zu entreißen, gingen Phileasson und seine Mannschaft mit echtem Forscherdrang vor und besonders die Erstkontakt-Szene mit den Bewohnern des Turms hat mich stark an Star Trek erinnert. Die gewonnenen Erkenntnisse und gemeinsam durchgestandenen Gefahren führten dazu, dass sich die Figuren teils deutlich weiterentwickelt haben. So hat der Magier Tylstyr endlich sein ‚ich bin eh unfähig‘-Mimimi abgelegt, Shaya entdeckt ihre kämpferische Seite, und was mit dem Elfen Salarin geschah – Sagen wir es so, ich habe nun einen gewissen Verdacht, welches Schicksal ihm im Laufe der Saga zuteil werden wird. Leider kam Ohm Follker in diesem Band etwas zu kurz, ich hoffe, das ändert sich in den nächsten Bänden wieder. Und Irulla hat hat ihre Ankündigung wahr gemacht, sogar im Himmelsturm eine Spinne zu finden.

Sehr schön fand ich, dass Asleif auch nicht immer lieb und nett spielt, sondern, wenn die Situation es erfordert, genauso skrupellos vorgehen kann wie Beorn. Das hat der Figur sehr gut getan und mein inneres Fangirl sehr gefreut. Ein gewisses schurkisches Potential braucht eine Figur nun mal, um bei mir zu punkten, und sein wir mal ehrlich: Es gibt mindestens ein Reich Aventuriens, für das der große Entdecker Asleif Phileasson auch nur ein glorifizierter Pirat ist, und so ganz unrecht haben sie damit objektiv betrachtet nicht.

Insgesamt hat mir ‚Himmelsturm‘ sehr gut gefallen, die Luft nach oben, die bei ‚Nordwärts‘ noch drin war, wurde gut ausgenutzt. Lediglich die letzte Szene vor dem Epilog hat für mich nicht so funktioniert. Erst wird eine ziemlich spektakuläre Bedrohung aufgebaut, die dann schnell mit einem im wahrsten Sinne des Wortes Deus Ex Machina beseitigt wird und dann werden noch schnell ein paar Dinge angerissen und das war’s. Die Szene wirkte auf mich etwas unfertig, da wäre noch mehr drin gewesen. Aber trotzdem: Daumen hoch!

Und was war nun mit dem Gong? Nun, der Roman zeigt noch eine dritte Möglichkeit auf, was passieren könnte, die besonders die eher sadistisch veranlagten Spielleiter erfreuen dürfte. Hmmm… *streicht sich über den imaginären Ziegenbart*

 

 

*** SPOILER ***

Und wieder mal haben mich viele Szenen so an meine Spielrunde erinnert. Besonders Phileassons spektakulärer, eleganter, Matrix-würdiger (zu irgendwas muss eine Gewandtheit von 15 ja gut sein) Chimären One-Hit-Kill und sein anschließender Kommentar, dass das ja nicht immer so einfach wäre, hat mich zum Grinsen gebracht. So fing das ganze Elend bei meiner Gruppe nämlich an: Die Zwergenkriegerin erledigte die Chimäre im Labor mit einem einzigen wohlgezielten Hammerschlag, woraufhin alle einschließlich mir (die sich eigentlich einen spannenden Kampf erhofft hatte) der Meinung waren, so schwer seien die Viecher ja nicht umzuhauen, und der Endkampf in den Hallen des Feuers die Gruppe dann ziemlich zerlegte, weil sie auf einmal nur noch Grütze würfelten (inklusive des berühmten schweren Eigentreffers beim Backstabbing). Aber darauf, das Aquarium zu zertrümmern um die Verfolger aufzuhalten, ist meine Gruppe auch gekommen, was ihnen in ihrem Zustand definitiv den Hintern gerettet hat. Natürlich hatte auch einer meiner Spieler etwas aus dem Grab im Eis mitgehen lassen, weshalb er dann auch Besuch von der für alle anderen unsichtbaren Raubkatze erhielt. Im Gegensatz zu Hallar hat er es sogar überlebt. Vhascals Aktion unten in der Halle des Feuers war ja mal ein Paradebeispiel für saudumme Dinge die ein neugieriger Charakter tun würde wenn er seine Neugier-Probe spektakulär verpatzt hat, weshalb ich mich köstlich darüber amüsiert habe. Ich überlege ja ernsthaft, die altehrwürdige thorwalsche Tradition des Spießrutenlaufens in einen hypothetischen nächsten Kampagnendurchgang einzubauen, einfach um die Spieler von dem allergröbsten Dummfug abzuschrecken.

Und ich denke, nun ist wohl klar, wie die Phrase ‚Missgünstige Elfen‘ zustande kam. Nach dem Kampf gegen Kayil’yanka und ihre Truppe meinte einer der Spielercharaktere ‚Die waren ja ganz schön missgünstig, diese Elfen‘ und irgendwie blieb das bis heute hängen.

Jetzt heißt es warten auf  Band 3. Die Geschichte, wie das Abspielen des Benny Hill-Themes in gewissen Situationen in meiner Spielrunde zur Tradition wurde und warum ich nur das Wort ‚Karen‘ aussprechen muss um kollektives Aufstöhnen zu ernten.

Büchernörgele: Bernhard Hennen, Robert Corvus – Nordwärts

Musik: Amon Amarth – The Way of Vikings

Nach viel zu langer Zeit kommt nun endlich wieder eine Folge ‚Horatia nörgelt sich durch Bücher‘.

 

Ich habe lange überlegt, ob ich wirklich eine Rezension schreiben soll, da ich die Phileasson-Saga schon einmal gemeistert habe und mit ganz anderen Voraussetzungen an das Buch herangehe als jemand, der oder die von Aventurien und DSA noch nie etwas gehört hat, aber mich dann doch dafür entschieden. Manchmal muss ein Text einfach raus, und die Phileasson-Saga ist eine Herzensangelegenheit.

Worum geht es? Zwei verfeindete Thorwaler Drachenschiffkapitäne, eine Wettfahrt in 80 Wochen rund um Aventurien, zwölf dabei zu lösende Aufgaben, sich einmischende höhere Mächte und einen Haufen zusammengewürfelter Abenteurer, die mit auf große Fahrt gehen.

Wer hat’s geschrieben? Bernhard Hennen, in der Deutschen Fantasyszene und darüber hinaus bekannt durch zahlreiche Elfen-Romane und Autor der ursprünglichen Phileasson-Kampagne für das DSA-Rollenspielsystem, und Robert Corvus, unter verschiedenen Pseudonymen Autor für unter anderem DSA und Perry Rhodan, sowie Verfasser der Schattenherren-Reihe (und außerdem ein Mensch mit sehr gutem Musikgeschmack).

Wie sieht das aus? So. Solche Fotos entstehen, wenn ich begeistert feststelle, dass das frisch erworbene Buch perfekt zum Nagellack passt.

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Und wie fand ich das nun? Vor der eigentlichen Geschichte steht ein etwa 80 Seiten langer Prolog, der einem mehrere der mitreisenden Abenteurer etwas näher bringt. Dieser hat mich zwiespältig zurückgelassen. Ich freue mich zwar immer über Charakter-Hintergrundgeschichten, aber der Prolog erinnerte mich eher an A Song of Ice and Fire als an Aventurien, bis hin zu einem Satz, an dessen Ende eigentlich nur noch ein ‚Valar Morghulis‘ gefehlt hätte. Außerdem hat mich irritiert, dass die ganze Zeit nur von Jungmannen die Rede war und Frauen nur zum Füllen des Methorns auftauchten und abfällig Weiber genannt wurden. Die Thorwaler sind zwar ein raues Völkchen, aber eigentlich sind bei ihnen Männer und Frauen komplett gleichberechtigt.

Dann ging es endlich mit der richtigen Geschichte los, die 10 Jahre nach dem Prolog spielt und ziemlich genau dem Abenteuerband folgt. Ich konnte immer mitblättern und hatte endlich mal keinen Grund, über fehlendes Kartenmaterial zu mosern. Da auf die meisten Meisterfiguren unter der Schiffsbesatzung verzichtet wurde, sind einige interessante neue Figuren dabei. Leider wurde ausgerechnet das Kernstück des ersten Bandes, die schon lange andauernde Fehde zwischen den rivalisierenden Kapitänen Asleif Phileasson und Beorn Asgrimmson, kaum thematisiert. Ein Satz, dass der Unfalltod von Beorns Schwester wohl der Auslöser der offenen Feindschaft war, das war es auch schon. Schade, da hätten die Autoren so viel mehr aus der Geschichte herausholen können. Was ist damals genau passiert? Was haben die beiden seitdem getan um sich gegenseitig das Leben schwer zu machen? Was hat Phileasson im Güldenland erlebt und war Beorn wirklich auch da oder hat er nur gelogen? Ich will Drama, Baby, Drama! Das wäre perfekter Stoff für den Prolog gewesen! Vielleicht bringen die weiteren Bände in der Hinsicht noch was, sonst wäre ich echt enttäuscht.

Sehr gut ausgearbeitet hingegen fand ich die Figur der Travia-Geweihten Shaya Lifgundsdottir, die als Schiedsrichterin des Wettkampfs mit auf die Reise geht und mit dem rauen Umgangston auf einem Drachenschiff und ihrer durch ihre Position bedingten Außenseiterrolle in der Mannschaft hadert. Shaya hat im Vergleich zum Abenteuer wirklich an Profil gewonnen, und es ist schön zu beobachten, wie sie nach und nach in ihre Rolle in der Schiffsgemeinschaft hineinwächst. Mein absoluter Liebling unter den Protagonisten ist allerdings Irulla, eine Waldmenschenfrau mit extrem morbider Weltsicht und einer besonderen Beziehung zu Spinnen. Leider trat sie im ersten Band nur am Rande in Erscheinung, ich würde mich freuen, in den Fortsetzungen mehr von ihr zu lesen.

Im Gegensatz zum Abenteuerband wird auch Beorns Geschichte viel Raum gegeben, was ich persönlich als gelungenen Schachzug seitens der Autoren empfinde. So bekommt zum Beispiel eine Stelle, die ich beim Vorbereiten des Abenteuers immer als sinnlose Meisterwillkür empfunden habe, plötzlich einen ganz anderen Kontext.

Der Phileasson von Hennen und Corvus kommt recht nahe an ‚meinen‘ Phileasson heran, den ich charakterlich ziemlich stark an Captain Jack Aubrey aus den Master and Commander-Romanen von Patrick O’Brian angelehnt hatte. Ehrenhaft, charismatisch, ein strenger aber gerechter Kapitän mit einer gelegentlichen Neigung zu tollkühnen Aktionen. Nur hoffe ich, wie schon geschrieben, noch auf mehr Hintergrundgeschichte. Aus dieser ikonischen Figur ist noch so viel mehr herauszuholen.

Trotz seiner Schwächen hat mir ‚Nordwärts‘ eine Menge Spaß und eine schlaflose Nacht beschert, und ich habe mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht immer wieder daran erinnert, was meine Gruppe damals in der jeweiligen Situation so alles getrieben hat. Meine Rollenspielkonditionierung hat außerdem dafür gesorgt, dass immer wieder mitgerätselt habe, was die Protagonisten wohl gerade gewürfelt haben (Spontane Selbstentzündung beim Ignifaxius! Das war mindstens eine Doppel-20!). Lustigerweise erinnert die Lösung der ersten Aufgabe im Buch sehr stark an das, was meine Spieler ausgebrütet hatten. Nur der Nihilgravo und die angesengte Feder am Hut des Schwertgesellen fielen im Buch aus. Falls ich die Kampagne noch mal meistern sollte (worauf ich gerade so richtig Bock habe), werde ich definitiv auf einige der Anregungen aus der Romanfassung zurückgreifen.

 

***SPOILER***

Nun bin ich gespannt auf Band 2, der im August erscheinen soll. Das Abenteuer, in dem der von mir beim Witcher 2-Let’s Play inflationär gebrauchte Begriff ‚missgünstige Elfen‘ seinen Ursprung hatte. Wird jemand das Schwert aus dem Eisgrab einsacken und beinahe von einem für alle anderen unsichtbaren Monster erlegt werden?  Wird jemand auf DEN Gong hauen? Werden sie Pardonas Pantoffeln stehlen (und anschließend die Diebstähle von Borbarads Badelatschen, Rohals Rasiermesser und Nahemas Nagelschere planen)? Wird jemand beim hinterhältigen Abstechen einer andersweitig abgelenkten Chimäre patzen und einen schweren Eigentreffer landen? Werden sie überhaupt wieder lebend aus dem Himmelsturm rauskommen und wird Irulla auch dort, wie angekündigt, eine Spinne finden?

***SPOILER ENDE***

Achievement Unlocked

Musik: The Heaven and Hell Orchestra feat. Daniel Malheur – Heaven and Hell

Kurz vor dem Jahreswechsel habe ich es noch geschafft, ein Langzeitprojekt zu beenden: ‚Frugter‘ ist fertig. Leider bekomme ich derzeit kein schönes Foto hin, weil  hier in meiner Dunkelkammer alias Wohnzimmer die Lichtverhältnisse so schlecht sind und ich das Stickbild auch nicht auf die hoffnungslos dreckigen Terrassenfliesen legen will.

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Ich weiß nicht, warum der Stoff nach dem Komprimieren des Bilds aussieht als hätte er sich total verzogen. Fotografie und vernünftige Bildbearbeitung gehören definitiv nicht zu meinem Skillset.

Außerdem habe ich noch einen schnellen Buchtipp für alle, die nach dem neuen Star Wars-Film und dem x-ten Mal Firefly-Schauen noch eine Dosis Weltraum-Cowboys gebrauchen können. ‚Höllenflug nach Heavens Gate‘ von Wes Andrews ist zwar kein hochliterarisches Meisterwerk, bietet aber in süchtig machender Weise alles, was der Doktor bei akutem Spacecowboy-Entzug verordnet. Für meinen Geschmack hätte ich gern noch etwas mehr über die Hintergrundgeschichten der Hauptprotagonisten erfahren – es blieb bei vagen Andeutungen, dass zumindest der Captain noch die eine oder andere Leiche im Keller hat. Aber eine Fortsetzung erscheint bereits im Frühjahr und ich bin mir sicher, dass auch diese mich wieder bis drei Uhr morgens wach halten wird.

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Hinter dem Pseudonym Wes Andrews verbirgt sich übrigens der deutsche Phantastik-Autor Bernd Perplies, der hier einen interessanten Blogpost über den Grund für das Pseudonym und warum er sich schließlich dafür entschieden hat, es zu lüften, geschrieben hat.

Ansonsten wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein schönes Silvesterfest und ein Frohes Neues Jahr. Einen Jahresrückblick werde ich nicht schreiben, aber ich kann stolz behaupten, dass ich dieses Jahr, wenn schon nicht jede Woche, doch zumindest jeden Monat mindestens ein Mal gebloggt habe.

 

Captain Aubrey’s Revenge

Musik: Alestorm – Death before the Mast

Es ist Sonntag und ich habe mal wieder aus spontaner Laune heraus ein Sechseck für meine Lesedecke bestickt. Eigentlich nähe ich zwar zur Zeit zwei Korsetts fertig, die schon ewig angefangen bei mir herumliegen (siehe zum Beispiel hier), aber wenn ich Lust auf Sechsecke habe, habe ich Lust auf Sechsecke und es war an der Zeit, mich mal einer anderen Ecke meiner Bücherregale zu widmen. Hier schreibe ich vor allem über Fantasy, aber ich lese auch noch diverse andere Genres, unter anderem historische Marine- und Militärromane. Mein absoluter Lieblingsautor dieses Genres ist Patrick O’Brian, dessen 20-bändige Romanreihe über einen Lord Nelson verehrenden Kapitän, einen kauzigen Schiffsarzt, diverse Seeschlachten, sezierte französische Spione und ein mit Rum abgefülltes Faultier zu dem Besten gehört, das ich je gelesen habe. Falls jemand den Film ‚Master and Commander‘ kennt, das ist die literarische Vorlage.

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Was lag da näher, als zu Ehren Patrick O’Brians ein Sechseck mit dem Royal Navy-Anker zu besticken?

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In diesem Sinne: Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.

 

Bad Romance

Musik: Edguy – Do me like a Caveman

(Warnung: Dieser Blogpost enthält eventuell obszönes Material. Lesen auf eigene Gefahr.)

Ich habe im Grünen Forum mal wieder an einem Swap teilgenommen. Die Sache funktioniert folgendermaßen: Alle Teilnehmenden schreiben einen Steckbrief, der jeweils einer anderen Person zugelost wird, werkeln zum jeweiligen Swapthema ein passendes Geschenk, und schicken es dann auf die Reise. Mittlerweile nehme ich nur noch selten an Swaps teil, aber das Thema ‚Schundroman‘ war einfach zu reizvoll. Es geht darum, einen möglichst grottenschlechten Liebesroman zu kommentieren, verzieren oder was auch immer man damit anstellen will. Die perfekte Gelegenheit, meiner inneren Nanny Ogg mal so richtig freien Lauf zu lassen, nachdem ich im Laufe der Jahre auf vielen Treffen der Stadtwache von Ankh-Morpork und bei diversen Runden Cards against Humanity so fließig an meiner Versautheit gearbeitet habe.

Nachdem ich meinen Steckbrief bekommen hatte, unternahm ich eine Tieftauchexpedition in die Büchergrabbelkiste des örtlichen Supermarkts und förderte dort eine wahre Perle des Nackenbeißer-Genres zu Tage.

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Ein kurzes Anlesen des Prologs, der sich ausführlich über die Qualität des Hoseninhalts der männlichen Hauptfigur ausließ, überzeugte mich dann völlig, das es dieses Buch und kein anderes sein musste. Und so begab sich Horatia Aubrey todesmutig, ausgerüstet nur mit Schokolade und zahlreichen Flaschen Hugo, auf eine Expedition in die Abgründe des erotischen Nackenbeißers, in das bisher mit Inbrunst verschmähte Reich der Lustgrotten und Musketenrohre. Es gibt einen Haufen Nackenbeißer betreffende Klischees, und sie sind zumindest in diesem Buch alle wahr. Das erotische Knistern (hier bitte passenden Soundeffekt einfügen) hat absolute Priorität über alles. So wechselt das Untergrundgestein des wildromantischen Moors fröhlich von Granit über Karst (Kennzeichen eines Untergrunds aus Gipsgestein) und Basalt wieder zurück zu Granit und dass ein Korsett nicht mit zartem Spitzenband geschnürt wird, hat Frau Dare wohl auch noch niemand erklärt. Ein halbgarer Krimi-Nebenplot verläuft am Ende ergebnislos im Sand und die Charakterisierung der Hauptfiguren ist alles andere als konsistent. Angesichts dieses literarischen Verkehrsunfalls (Pun intended) sah ich mich gezwungen, Inhaltsangabe und Autorenvita etwas umzuschreiben um die Erwartungen an dieses Meisterwerk für meine Wichtelpartnerin ins rechte Licht zu rücken. Der erste Halbsatz der Autorenvita stand allerdings wirklich so drin. So einen grandiosen temporalen Fail hätte ich mir nicht ausdenken können.

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Dazu gab es noch Infografiken zu den beiden Hauptfiguren im Order of the Stick-Stil:

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Dann brauchte das Buch noch einen neuen Einband, denn das oben gezeigte Cover ist absolut nicht öffentlichkeitstauglich, wenn man sich noch einen Rest Menschenwürde bewahren würde. Da ist ein geschicktes Tarnmanöver gefragt.

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Nerdfact: ‚Blue Harvest – Horror Beyond Imagination‘ war der Deckname unter dem ‚Return of the Jedi‘ seinerzeit in die Produktion ging.

Zum Buch gab es noch ein Pacman-Lesezeichen, eine kleine Flasche selbst aufgesetzten Lakritz-Pfeffer-Likör (für die Momente in denen der süßliche Schmalz nicht mehr zu ertragen ist), Kekse in Herzform, Tee und Schoki.

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Im Endeffekt muss ich sagen, dass es in Hinsicht auf meine gelegentliche Betätigung als Hobbyschriftstellerin hochinteresant war, mal so richtig weit außerhalb meiner Komfortzone zu lesen. Dinge, die ich bei der Lektüre eines Nackenbeißers gelernt habe:

  • Das allerwichtigste ist der Sex, beziehungsweise die immer wiederkehrende Verhinderung in letzter Minute von selbigem. Alles andere ist zweitrangig.
  • Viele neue, kreative Beschreibungen der männlichen Fortpflanzungsorgane die mir bisher noch nicht geläufig waren
  • Je verliebter eine Frau ist, desto häufiger benutze die Wörter ‚töricht‘ und ‚Närrin‘.
  • Die Liebe entschuldigt in Nackenbeißern jedes noch so chauvinistisches, fremdbestimmendes oder creepy Verhalten. Und nein, es geht nicht nur von ihm aus. Sie schleicht nachts in sein Schlafzimmer und hebt die Bettdecke an, um die Ausstattung zwischen seinen Beinen zu betrachten. So weit ist sogar Edward Stalker Cullen nicht gegangen.
  • Anständige Protagonisten brauchen eine tragische Vergangenheit. Je tragischer, desto besser, und am allerbesten ist es sowieso, wenn sie sich auch noch für hochdramatische Enthüllungen in den richtigen Momenten (oder aus Sicht der Figuren falschen Momenten, weil es dann wieder keinen Sex gibt) eignet.
  • Verschwende keine großen Gedanken an Nebenplots. Siehe Punkt 1.
  • Recherche ist auch nicht so wichtig. Siehe ebenfalls Punkt 1.

Die Aktion hat eine Menge Spaß gemacht. Es war das literarische Äquivalent der berüchtigten schlechte-Filme-Abende, die ich früher mit Freunden regelmäßig veranstaltet habe. Irgendwann ist es einfach so schlecht, dass es irgendwie auch wieder extrem unterhaltsam ist. Nach den sündigen Herzen las ich übrigens ‚Nein! ich will keinen Seniorenteller!‘ von Virginia Ironside. Ein typischer Frauenroman, den ich eigentlich meiner Mutter zur Pensionierung schenken wollte, nur hatte sie ihn leider schon. Und das war dann doch schon wieder ein ganz anderes Level literarischer Qualität. Konsequent charakterisierte Protagonisten und nicht sinnlos ins Leere verlaufende Handlungsstränge, was habe ich euch vermisst!

Natürlich habe ich auch etwas bekommen: Ein Machwerk namens ‚Fedora – im Harem des Prinzen‘ von einer gewissen Mona Vara. Umgestaltet und kommentiert wurde ein cthuloider Tentakelprono draus, der erzählt, wie Abdul Alhazred wirklich dazu kam, das Necronomicon zu schreiben. Auch hier noch mal ganz vielen Dank dafür, Eladora! Ich bin extrem gespannt.

 

 

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