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Archiv für die Kategorie “Science-Fiction (Double Feature)”

Büchernörgele: Bernd Perplies, Christian Humberg – Star Trek Prometheus

Musik: JBO – Der Star Track

Letzte Woche fiel der Blogpost aus, weil ich quasi innerhalb der Wohnung umgezogen bin, mit anderen Worten, das zeitweilige Schlafzimmer für meinen neuen Mitbewohner wieder geräumt habe. Aber nun ist das Tetris-Spiel für Fortgeschrittene alias alles wieder in ein Zimmer quetschen erfolgreich abgeschlossen und ich habe den Kopf wieder frei für andere Dinge. Und da ich derzeit nur an kreativen Langzeitprojekten arbeite, habe ich beschlossen, einfach so lange Bücher zu benörgeln bis ich wieder was vorzeigen kann. Also weiter im Projekt ‚Horatia liest mehr deutsche Autoren‘.

Bernd Perplies kenne ich als Autor schon seit einigen Jahren. Zuerst aufmerksam wurde ich auf ihn im Zuge meiner Jagd auf Steampunkromane durch seine Reihe ‚Magierdämmerung‘, die mich ziemlich begeistert hat, unter anderem weil sie ein sehr interessantes und individuelles Magiekonzept hat. Daraufhin besorgte ich mir die ersten beiden Bände seiner Erstlingsreihe ‚Tarean‘ (Der dritte fehlt mir immer noch und ich habe fest vor, ihn irgendwann noch zu lesen) und war im Rahmen der Jugendlicher Auserwählter-Klischeefantasy auch sehr zufrieden (Manchmal brauche ich einfach meine Dosis genau davon – und Herr Perplies‘ Schreibstil erinnert mich stark an meinen, weil er genauso gern Bandwurmsätze bildet wie ich). Seine Jugenddystopiereihe habe ich ausgelassen, weil Jugenddystopien nicht so mein Ding sind, aber dann kam seine zweibändige unter dem Pseudonym Wes Andrews veröffentlichte Firefly-Ersatzbefriedigung ‚Frontiersmen‘, die ich wieder begeistert verschlungen habe. Derzeit hat er auch noch eine andere, an die Antike angelehnte Reihe laufen, die ich aber erst lesen werde, wenn alle Bände draußen sind. Ich mag es einfach nicht, -zig angefangene Reihen in meinem Bücherregal zu haben. Irgendwann fand ich dann heraus, dass Herr Perplies zusammen mit einem Kollegen namens Christian Humberg auch Kinderbücher schreibt. Und da ich hin und wieder auch gerne schöne Kinderbücher lese, und es in einer Rezension hieß, der Schauplatz wäre quasi Ankh-Morpork für jüngere Leserinnen und Leser, besorgte ich mir den ersten Band der Reihe ‚Drachengasse 13‘. So ein Kinderbuch frühstücke ich in einem Abend weg und auch als erwachsener Mensch wird man gut unterhalten, wenn man mit eher an Kinder gerichteten Büchern etwas anfangen kann. Leider blieb es bisher bei dem einen Band für mich (den ich auch mittlerweile zweimal gelesen habe), irgendwann lese ich auch mal den Rest. Und dann hörte ich, dass die gleichen Verdächtigen zum 50. Star Trek-Jubiläum die ersten von deutschen Autoren erschaffenen Star Trek-Romane schreiben und meine Neugierde war geweckt. Seit 20 Jahren bin ich begeisterte Star Trek-Glotzerin (Die Originalserie war auch der Grund, weshalb ich zum 15. Geburtstag einen Fernseher geschenkt bekam, weil meine Mutter damals keine Lust mehr hatte, dass ich sonntags im Wohnzimmer Raumschiff Entenscheiß alias die Klassik-Serie schaute) und ich erinnere mich noch gut an abendliche Voyager-Doppelfolgensessions auf meinem Kinderzimmersofa. Aber kann Star Trek auch in Buchform überzeugen? Bisher hatte ich, was das betraf, so gut wie keine Erfahrungswerte, da ich nur einen einzigen Star Trek-Roman gelesen hatte. Und der war auch nicht wirklich repräsentativ, weil es die Biographie meiner absoluten Trek-Lieblingsfigur (Garak!!!) war. Frei nach dem Motto ‚To boldly go where Horatia has not gone before‘ ließ ich mich einfach mal auf den ersten Band ‚Feuer gegen Feuer‘ ein.

Worum geht es?

Nach diversen existenzbedrohenden Krisen scheint die Vereinigte Föderation der Planeten endlich wieder etwas zur Ruhe zu kommen. Doch dann erschüttern brutale Terroranschläge sowohl die Föderation als auch das Klingonische Reich. Zu den Anschlägen bekennt sich eine extremistische Splittergruppe vom Volk der Renao, deren Heimat der im Grenzgebiet der Föderation und den Klingonen gelegene Lembatta-Cluster ist. Nach zähem diplomatischem Hickhack einigen sich die beiden Großmächte darauf, je ein Schiff in den Cluster zu entsenden. Die USS Prometheus unter dem dem kriegmüden Veteranen Richard Adams und die IKS Bortas, ein Schiff, das seine besten Tage hinter sich hat und dessen Kommandant Kromm sich selbst und dem klingonischen Reich unbedingt beiweisen will, dass er doch zu irgendwas taugt. Zusammen machen sich die beiden ungleichen Besatzungen daran, das Geheimnis des Lembatta-Clusters zu ergründen. Werden sie es schaffen, trotz völlig unterschiedlicher Grundeinstellungen und wachsendem Druck von außen das Rätsel zu lösen oder werden Alpha- und Beta-Quadrant in einem neuen Krieg versinken?

Wer hat es geschrieben?

Bernd Perplies und Christian Humberg. Beide Autoren sind begeisterte Trekkies und Veteranen der Übersetzung diverser Star Trek-Romane aus dem Englischen und schrieben schon erfolgreich einige Kinderbücher zusammen. Also warum auch nicht eine Star Trek-Reihe?

Wie sieht das aus?

Schritt 1: Schamloses Webcam-Posing eines Bücher-Suchtlings mit Band 1.

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Und alle drei Bände zusammen. Ich finde die Cover immer sehr passend zum jeweiligen Roman. Und wenn sie im Regal nebeneinander stehen fügen sich die Buchrücken zu einem Komplettbild der Prometheus zusammen. Da hat jemand beim Design wirklich mitgedacht!

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Und wie fand ich das nun?

Ich bin mit einer gewissen ‚Mal schauen, was da kommt‘-Mentalität an den ersten Band herangegangen. Seit dem Ende von Voyager war viel in Trek-Universum passiert, von dem ich keine Ahnung hatte, da ich die zwischenzeitlich erschienenen Romane nicht kannte. Würde ich der Handlung trotzdem folgen können? In dieser Hinsicht kann ich alle, die vielleicht deshalb zögern, beruhigen. Alles, was für die Handlung wichtig ist, wird kurz und bündig und in die Geschichte eingeflochten noch mal kurz erklärt. Ich hatte jedenfalls nicht das Gefühl, in der Luft zu hängen. Allerdings ist eine gute Kenntnis der Fernsehserien und der Kinofilme hilfreich um sich an den zahlreichen Anspielungen erfreuen zu können, allein schon weil die Prometheus selbst ihren Ursprung in einer Voyager-Folge hat.

Die Geschichte beginnt zur Zeit der Classic-Serie und ich hatte aufgrund der plastischen Beschreibungen sofort die entsprechenden Uniformen und Kulissen vor Augen. Wenn man sich spontan beim Lesen die eindeutige Studioatmosphäre einer Planetenoberfläche mit Pappmachéfelsen, die für mich zur Classic-Serie einfach dazugehört, vorstellen kann, ist das schon ganz großes, episches Kopfkino. Die Reihe fährt über drei Bände einen Rundumschlag um alles auf, was Star Trek ausmacht. Forscherdrang, Diplomatische und militärische Konflikte, ambivalente Figuren, unerklärliche Phänomene denen auf den Grund gegangen werden muss und dem als Science-Fiction verpackten zutiefst humanistischen Kommentar zu derzeitigen irdischen Konflikten. Mit Star Trek geht es mir wie mit Terry Pratchett – wenn mehr Menschen es lesen bzw. schauen und verstehen würden, wäre diese Welt wesentlich besser. Das Leseerlebnis war vergleichbar mit meinen DVD-Sessions vom Anfang des Jahres, frei nach dem Motto ‚Och, eine Folge, beziehungsweise in diesem Fall ein Kapitel, geht noch!‘ ‚Oh, verdammt, es ist schon mitten in der Nacht!‘. Nicht unerheblich trugen die Protagonisten sowohl auf der Sternenflotten- als auch auf der Klingonenseite dazu bei. Captain Richard Adams, der kriegsmüde Veteran vieler Schlachten, der in seinem Leben schon so viel verloren hat und nun noch mehr verliert. L’emka, die es von einer Agrarwelt zu ersten Offizierin eines klingonischen Schlachtenkreuzers gebracht hat und die nicht nur mit dem Bath’leth sondern auch mit dem Hirn denkt. Lieutenant Jassat ak Namur, dessen Volk sich gerade zur potentiellen Bedrohung für den Frieden der Galaxis entwickelt. Chefingenieurin Jenna Kirk, die mit ihrem berühmten Vorfahren hadert. Kapitän Kromm, der weiß, dass er sein Kommando nur aufgrund seiner Abstammung erhalten hat und unbedingt zum wahren Helden des klingonischen Reiches werden will, egal wie hoch der Preis ist. Sicherheitschefin Lenissa zh’Thiin, die abgesehen von der äußerst komplizierten Mission auch einiges in ihrem eigenen Leben und dem Verhältnis zu ihrer Spezies zu sortieren hat. Ensign Paul Winter, Deutscher mit afrikanischen Vorfahren, Kommunikationsoffizier und Genie an der Sensorenphalanx. Abgerundet wird das neue, von bisherigen Publikationen völlig unabhängige Hauptensemble durch einige alte Bekannte, insbesondere ein gewisser, mittlerweile ziemlich alter vulkanischer Botschafter, der der ganzen Geschichte durch seine wunderschöne Darstellung durch die Autoren noch mal eine ganz besondere Würze verleiht. Auch wenn manche Auftritte alter Bekannter etwas bemüht wirken, fügen sie sich doch insgesamt harmonisch in die Handlung ein, was den Charakter einer Jubiläumsgeschichte noch mal unterstreicht, und ich habe mich über die Wiedersehen mit vielen alten imaginären Freundinnen und Freunden auch sehr gefreut. Und Garak wurde zumindest mal erwähnt, was mein Fangirlherz sehr erfreut hat. Auch hat mir gut gefallen, dass es mit dem Lembatta-Cluster ein überschaubares Handlungsgebiet gab und trotz des potentiell quadrantenerschütternden Konflikts nicht gleich die halbe Galaxis in Schutt und Asche gelegt wurde. Mein persönlicher Geschmack bevorzugt nun mal die etwas kompakteren Szenarien.

Wie schon bei der Phileasson-Saga, die auch von einem Autoren-Duo verfasst wird, wirken auch diese Bücher wie aus einem Guss und ich konnte keine stilistischen Sprünge feststellen. Nur die ganz gewisse Art, mit der Bernd Perplies in seinen Einzelwerken Figuren umschreibt wenn er sie nicht beim Namen nennt, fiel mir auch hier auf, aber ich konnte beim besten Willen nicht sagen, welcher Autor nun für welche Kapitel verantwortlich war, oder ob sie alles gemeinsam geschrieben haben. Bernd Perplies und Christian Humberg haben mit der Prometheus-Trilogie eine Geschichte in bester Star Trek-Tradition geschaffen, die sowohl durch einen gut ausgearbeiteten Spannungsbogen unterhält als auch bei Betrachtung der Situation in der sich unsere Welt gerade befindet zum Nachdenken anregt. Auch wenn mein damaliger Deutschlehrer und ich was unseren Geschichtengeschmack betraf absolut nicht kompatibel waren, hat ein Satz von ihm mich doch geprägt. Da er auch Englischlehrer war, hat er es uns auch im Deutsch-Grundkurs mal auf Englisch erklärt. Der Sinn einer guten Geschichte wäre in gleichen Teilen ‚To instruct and to delight‘. Und das trifft auf Star Trek Prometheus voll zu, auch wenn er über den Metaplot vermutlich die Nase rümpfen würde. Eine Botschaft die heute wichtiger ist denn je. In diesem Sinne: Live long and prosper.

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